Eigene Ideen sind gefragt

Das Tübinger Unternehmen rökona, Hersteller von technischen Textilien, stellt drei Ausbildungsberufe vor: Produktionsmechaniker, Produktveredler und Textillaborantin.

Bei einer Textilfirma näht man bestimmt den ganzen Tag Kleider. Mit diesem Vorurteil sind die Mitarbeiter von rökona häufig konfrontiert. Ahnung von Nähmaschinen muss man bei dem namhaften Hersteller von technischen Textilien, der die Automobilindustrie, die Medizintechnik und Hersteller von Freizeitbekleidung als Kunden hat, jedoch nicht mitbringen, dafür aber Mathe- und Chemiekenntnisse. Das GEA-Wirtschaftsmagazin stellt drei anspruchsvolle Ausbildungsberufe vor, die die Tochterfirma des Tübinger Textilunternehmens Rösch anbietet.

Simona Manz wird Textillaborantin

Vor einem Jahr hat Simona Manz ihre Ausbildung zur Textillaborantin bei rökona begonnen. Die 22-Jährige aus Dußlingen wollte keinen klassischen Ausbildungsberuf lernen, den jeder macht. Labortätigkeit hat sie schon immer interessiert, aber sie wollte nicht ausschließlich mit Chemie zu tun haben. Lieber wollte sie etwas in Händen halten. Simona Manz mag Stoffe und näht in ihrer Freizeit gerne. Die Tübinger Firma kannte sie vom Fabrikverkauf der Muttergesellschaft Rösch, die Nacht- und Tagwäsche, Freizeit- und Bademode der Marken Rösch und Louis Féraud herstellt und vertreibt. Je länger sie nun selbst in der Firma arbeitet, desto überzeugter ist sie: »Das ist genau der richtige Beruf für mich hier bei rökona.«
Textillaboranten prüfen die fertigen Stoffe, bevor sie an den Kunden geschickt werden. Im physikalisch-chemischen Labor ist präzises Arbeiten sehr wichtig. Simona Manz' Aufgaben teilen sich in drei Arbeitsschritte: Vorbereitung der Tests, die Prüfung und deren Auswertung. Was sich schematisch anhört, ist in der Praxis anspruchsvoll und abwechslungsreich. Denn was unter welchen Kriterien geprüft wird, unterscheidet sich von Auftrag zu Auftrag. »Wir haben auch viele Sonderprüfungen «, erzählt Simona Manz. Je nach Kundenvorgaben werden Biegesteifigkeit, Gewicht, Dicke, Farbe, Reißverhalten mit der Kraft- und Dehnungsprüfmaschine oder Brennverhalten in der eigens dafür eingerichteten Brennkammer getestet.
Während der dreieinhalbjährigen Ausbildung hat Simona Manz alle drei Monate Blockunterricht in der Berufsschule in Schopfheim. Dort werden auch die Produktveredler während ihrer dreijährigen Ausbildung unterrichtet.

Manuel Reisch ist Produktveredler

Manuel Reisch hat seine Ausbildung zum Produktveredler schon 2006 abgeschlossen. Er spezialisierte sich auf das Färbereilabor, wo er bis zum Frühjahr diesen Jahres arbeitete. Jetzt ist der 29-jährige Assistent des Abteilungsleiters in der Ausrüstung/Färberei, wo er auch organisatorische Aufgaben hat.
Die Produktveredler verleihen dem Textil bestimmte Eigenschaften. Da fast 90 Prozent der Aufträge bei rökona aus der Automobilindustrie kommen, werden vor allem technische Textilien für das Auto hergestellt. Die Produktveredler entwickeln unter anderem Säulen, Hutablagen und Innendecken, den sogenannten »Himmel«, in genau dem Grau-, Beige-, Anthrazit- oder Schwarzton, den der Kunde wünscht. Die Farbvorgaben sind dabei sehr anspruchsvoll, selbst Abweichungen, die für das menschliche Auge nicht sichtbar sind, werden nicht geduldet. Die Produktveredler prüfen auch Dehnung, Gewicht und Eigenschaften wie zum Beispiel schmutzabweisende Beschichtungen. Neben den technischen Stoffen für Autos stellt rökona zu einem geringen Teil auch Funktionstextilien her.
Wer in der Abteilung Ausrüstung/Färberei arbeiten will, muss körperlich belastbar sein. Da die Maschinen, die die Stoffe produzieren, Wärme abstrahlen, ist es in der Abteilung heiß. Dazu ist es laut und es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit. Produktveredler müssen unter anderem die Maschinen mit den Textilien bestücken. Die großen Stangen sind oft so schwer, dass man zu zweit anpacken muss. Dennoch können Frauen den Beruf genausogut ausüben, betont die Personalchefin Melanie Müller.

Sinan Tokmak wird Produktionsmechaniker

Sinan Tokmak saß bei Rewe an der Kasse, bevor er 2013 seine Ausbildung zum Produktionsmechaniker bei rökona begann. Er war auf der Suche nach einem familienfreundlichen Unternehmen. Noch ist Sinan Tokmak täglich von sieben Uhr morgens bis 15.30 Uhr im Betrieb. Nach der Ausbildung wird auch er im Drei-Schicht-Betrieb mit regelmäßigen Nacht- und Wochenendschichten arbeiten. »Solange ich vorher planen kann, habe ich damit aber kein Problem«, betont er. Auch mit seinem Bruttogehalt von 815 Euro im ersten Lehrjahr ist er sehr zufrieden.
»Anfangs hatte ich meine Probleme mit den Textilien«, gibt er zu. Bevor er zu rökona kam, hatte er keine Ahnung von Textilien. Geduldig musste er lernen, wie er die Wirkmaschinen einstellt, die Garne richtig einspannt, sodass der Kamm Tausende Fäden zugleich richtig einziehen kann, um sie zu einer textilen Fläche zu wirken. »Kleine Fehler haben eine große Wirkung«, sagt Sinan Tokmak. Inzwischen hat er sich an die Arbeit gewöhnt und außer Geduld viele interessante Dinge über Textilien gelernt.
Nach dem Vorstellungsgespräch wird allen Bewerbern empfohlen, einen oder mehrere Tage probezuarbeiten, um herauszufinden, ob die angestrebte Ausbildung wirklich die richtige ist. Doch die meisten fühlen sich in dem Unternehmen mit seinen flachen Hierarchien schnell wohl. Die Lehrlinge bei rökona steigen schnell ins Tagesgeschäft ein, arbeiten nicht nur zu, sondern tragen aktiv zum Erfolg der Firma bei.
Von den Auszubildenden wird erwartet, dass sie selbstständig arbeiten und flexibel auf veränderte Arbeitsweisen reagieren können. »Vor allem sollen sie selber denken und eigene Ideen einbringen«, betont Melanie Müller. Und schiebt einen Satz hinterher: »Die Azubis sollen Verantwortung für ihr Leben übernehmen.« Zunächst sollte man sich fragen, ob das Problem nicht bei einem selber liegt. Im offenen Arbeitsumfeld, wie es rökona bietet, sind jedoch auch Verbesserungsvorschläge von Lehrlingen jederzeit willkommen. »Wir lernen hier voneinander«, sagt Melanie Müller.
Neben der flachen Hierarchie sind es auch weiche Faktoren, die eine Ausbildung bei rökona attraktiv machen. »In der Kantine gibt es jeden Tag günstiges, aber gutes Essen«, schwärmt die angehende Textillaborantin Simona Manz. Bemerkenswert sind auch die internen Schulungen, die die Mitarbeiter selbst anbieten. Die Personalchefin hat zum Beispiel einmal an einem Unternehmensplanspiel teilgenommen, das Auszubildende organisiert hatten. Auch Gesundheit ist dem Unternehmen wichtig: Am Arbeitsplatz gibt es kostenloses Obst und Wasserspender, in der Freizeit werden Fußball und Beachvolleyballturniere angeboten.
Wer bei rökona eine Ausbildung macht, lernt nicht nur Inhalte seines späteren Berufs, sondern darf in verschiedene Abteilungen hineinschnuppern. Jeden Monat finden sogenannte Lehrgespräche statt, bei denen Mitarbeiter von ihrer Arbeit erzählen. So lernen Auszubildende nach und nach den gesamten Betrieb kennen.
Karrierechancen bietet rökona auch für Akademiker: Viele Themen für Masterarbeiten werden an Studenten der Fakultät Textil und Design an der Hochschule Reutlingen vergeben.
Wer in Elternzeit geht, bekommt einen Paten an die Seite gestellt, der über Neuigkeiten in der Firma informiert. Die Eltern haben weiterhin Zugriff aufs Intranet und können an Fortbildungen teilnehmen. Da der Betriebskindergarten Kinder ab einem Jahr aufnimmt, kehren auch die meisten Mütter rasch wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. Der Kindergarten wurde übrigens schon 1971 eröffnet – 22 Jahre nach Gründung der Mutterfirma Rösch und neun Jahre nach Gründung von rökona. Sogar Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat ihn schon besucht und als vorbildlich gelobt. (GEA- Jasmin Siebert)